Tüchtigtapfer – Ein Liebesbrief an meinen großen Sohn

Oh mein lieber Preußenbayer!

Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht dankbar dafür bin, dass du so wundervoll geblieben bist. Ich glaube, es gäbe nicht viele Jugendliche, die sich so verhalten würden, hätten sie deine Geschichte.

Du bist jetzt 14,5 Jahre alt. Ein schwieriges Alter in schwierigen Lebensumständen.

Es geht dir auf die Nerven, tagtäglich von deiner lästigen Familie genervt zu werden. Alles ist nervig. Wir sind nervig. Du liegst am liebsten den ganzen Tag faul in deinem Bett und guckst Jutupp-Filme an oder „zockst“ vor dich hin. So manches mal machst du deine Nächte zum Tag und umgekehrt. Da du dauernd Kopfhörer benutzt, gelingt dir eine völlige Abschirmung von uns. Wenn wir dich zum Essen rufen wollen, müssen wir an die Wände/Türen/Zimmerdecke trommeln und uns die Lungen rausbrüllen. Seit gestern ziert eine Türglocke unsere Küchentafel. Du hast eine Haustürfunkglocke bekommen und nimmst das mit Humor.

Heute Morgen wolltest du nicht zur Schule. Du versuchtest es erst mit Krankheitssymptomen, dann mit der Wahrheit. Es beginnt dir zuzusetzen, dass du im Unterricht sitzen musst und nur Bruchteile verstehst. Es wird dir nur langsam klar, dass dir die neue Sprache nicht ohne Eigeninitiative so „mirnixdirnix“ zufliegt. Initiative kannst du momentan nur bedingt aufbringen, dazu bist du zu sehr damit beschäftigt, dein eingestürztes Ich neu zusammenzufinden. Dein Ich, dein „Seelenhaus“ ist ein einziger Schutthaufen, aus dem du dir Stein für Stein ein neues Gebäude bauen musst. Eines, mit dem und in dem du dich wieder zurechtfinden und dich geborgen fühlen kannst.

Ich möchte dir gerne helfen, aber wie soll das gehen, wenn du doch nicht mehr mit mir „abhängen“ möchtest und kein „schon wieder ein pädagogisches Gespräch“ mehr mit mir führen magst?

Deine kleinen Brüder vermögen dich zu trösten. Du liebst sie so sehr und hältst dich oft regelrecht an ihnen fest. Ich glaube, du würdest dich sehr gut in einem Beruf machen, indem du deine soziale Stärke, deine Feinfühligkeit und stete Rücksicht auf Schwächere einsetzen kannst. Ja sicher, du ärgerst deine Brüder, aber du liebst sie abgöttisch und wir alle können das sehen, es fühlen und uns darüber freuen. Du bist ein wundervoller großer Bruder.

Du frisst dir deinen endlich herausgewachsenen Scheidungskummerspeck aus Bequemlichkeit wieder an und ich könnte dir dafür den Hals umdrehen. Du bist so ein hübscher Kerl, muss du wirklich wieder einen dicken Bauch haben? Deine Versprechungen, nicht alles Süße/Chipsige im Haus aufzufressen sind Luft- und Lachnummern. Du trinkst seltsame Getränke, die abartig riechen, weil du keinen Kaffee magst. Dauernd bist du müde und hast keinen „Bock auf nix“. Jede Woche versuchst du eine neue Ausrede, um das Training zu schwänzen.

Du bist ein schlaues Kerlchen und hast einen pfiffigen Wortwitz. Du bist weder frech, noch ungezogen zu uns oder zu anderen. Du bist zwar faul, aber anständig. Ich bin stolz auf dich.

Ich bewundere dich dafür, dass du so unglaublich „normal“ geblieben bist und ich wundere mich, dass du heute morgen tatsächlich nach vielen Belgierküsschen und Wikingerfüßchenanhimmeln brav in die Schule gegangen bist. Da sitzt du nun und bist traurig, weil du so gar nicht vorwärts kommst. Du langweilst dich und bist entsetzlich unglücklich.

Du bist so ein tapferer junger Mann!

Du bist mein wundervoller großer Junge.

Mein geliebter Großer.

Mein Ein und Alles.

8 Gedanken zu “Tüchtigtapfer – Ein Liebesbrief an meinen großen Sohn

  1. Oh je, musst du mich immer zum Weinen bringen?
    Ich les hier nix mehr, wenn das so weitergeht. Bin aber so neugierig..ich muß lesen!
    Das muß für deinen Großen echt schwer sein in dem Alter.
    Andere Jugendliche haben ihre Kumpels, bei denen sie über die nervigen Eltern und Schule und Wasweißichnoch ablästern können in der Muttersprache und mit Dialekt. Wie soll er sich denn frei von der Seele weg mit den anderen austauschen, wenn das noch so holperig ist in der neuen Sprache?
    Mir ist das Herz ganz schwer, wenn ich an deinen lieben, höflichen Großen denke.
    Aber es wird schon werden…jedoch diese Zeit, also das ablästern u.s.w., was so typisch ist für das Alter fehlt ihm halt irgendwo. Hmmm ?

    Gefällt 2 Personen

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