M/Eine kleine, feine Kurzgeschichte

Sie reckte die noch von zarter Winterhaut bedeckte Nase in die Sonne. Mit einem seufzenden „Du lieber Himmel, das ist ja schon richtig warm heute!“ schleckte sie genüsslich an ihrem Eis und blickte auf den kleinen Platz inmitten des lauschigen Fischerdorfes. Außer ihr hatte niemand mehr einen dicken Daunenmantel an.

Am Nebentisch bestellte sich ein dicker Mann lautstark einen Cappuccino. Auf Deutsch, natürlich. „Warum geht er eigentlich automatisch davon aus, dass man ihn versteht?“

„In Italien gibt es in vielen Geschäften sogar schon deutsche Schilder und Schnitzel! Die Italiener haben sich inzwischen auch damit abgefunden, dass die Deutschen zu jeder Tageszeit Cappuccino trinken!“, kommentierte ihre ebenfalls sehr zufriedene Freundin die Szenerie. Jene hatte ihre dicke Winterjacke im Auto gelassen, nachdem sie vom Strandspaziergang zurückgekommen waren.

Das Meer hatte sich von seiner besten Seite gezeigt und die malerischen Küstenlandschaften mit einem tiefen Blau eingerahmt. Wie schön, dass der Strand im April noch so leer war!

„Sicher liegen sie hier bald wie die Ölsardinen!“, freute sie sich über die vorgefundene Einsamkeit.

„Wusstest du eigentlich, dass man das Mittelmeer auch „die Badewanne der Deutschen“ nennt?“, kam von ihrer Freundin zurück.

Sie wanderten ein ziemlich langes Stück an der Brandung entlang, bevor sie sich auf den Weg ins Dorf machten. Die gemütlich wirkenden Häuschen leuchteten so herrlich einladend in der kräftigen Frühjahrssonne und die über den Stuhllehnen hängenden Decken flatterten ungenutzt in der steten Meeresbrise.

Auf den Stühlen vor den Straßencafés räkelten sich schon erstaunlich viele Sonnenanbeter. Und das im April! Der eine oder andere winzige Laden steckte noch in fleißigen Renovierungsarbeiten. Das Dorf begann sich herauszuputzen, denn schließlich würden bald tausende von Touristen einstürzen. Die Saison stand unmittelbar vor der Tür und der blaueste Himmel der Welt wirkte wie eine riesige Einladungskarte.

Die beiden Frauen beobachteten schmunzelnd die lärmenden Kinder auf dem Platz. Niemand schien sich am Kreischen und lauten Lachen der kleinen Störenfriede zu stören.

„Das ist so anders als in Deutschland! Man mag die Kinder hier so sehr, sie gehören einfach zum Leben dazu. So selbstverständlich, so schön“, seufzte sie, bevor sie das letzte Stück Knusperwaffel in den Mund schob. „Immer wenn ich mit meinen Kindern in Italien im Urlaub war, war das für mich total entspannend. Die Italiener sind in Kinder total vernarrt“, gab die Freundin zurück.

„Ich bekomme allmählich Hunger, wollen wir dort drüben noch eine Pizza essen?“, fragte sie, nachdem sie ihr Eis gegessen hatte. Ihre Freundin blinzelte zu der mit großen Buchstaben beschrifteten Tafel. „Ist schon ordentlich teuer! Und sicher serviert man uns die unitalienischste Touristenpizza der Welt!“

Sie beschlossen daher, sich einfach noch ein weiteres Eis zu genehmigen und die Sonne zu genießen.

„Die Italiener machen das allerbeste Eis der Welt!“, bemerkte die Freundin an der reichlich gefüllten Eistheke. Die Sortenvielfalt machte jener die Auswahl sehr schwer. Nach kurzem Hin und Her entschlossen sie beide sich zu einem Softeis.

„Hast du Sehnsucht nach Italien?“, wollte sie von ihrer Freundin wissen und nahm mit einem seligen Lächeln die Eistüte entgegen, die ihr die freundliche Frau hinhielt.

Die Freundin zog einen Geldschein aus der Tasche und legte ihn auf den Tresen. Man konnte ihr ansehen, dass sie über ihre Antwort nachdachte. Italien war das Land, dem ihr Herz gehörte. Italien war das Land, nach dem sie sich verzehrte. Italien war ihre große Sehnsucht.

Schließlich nahm auch sie ihre Eistüte, bedankte sich mit einem überzeugten „Tak skal du have“ und biss herzhaft in den riesigen Eisberg aus Sahne.

Und mit einem fröhlichen „Nein, nicht wirklich!“ machte sie sich wieder auf den Rückweg zum Tisch in der Sonne über Løkken – in Dänemark.

4 Gedanken zu “M/Eine kleine, feine Kurzgeschichte

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