Subkulturant

„De hockan den ganzn Dog aufranand und machan irgendwelche Gschäfterl mitnand!“

Ich meine, ich habe den Klang dieser Worte noch in den Ohren. Es ist schon sehr lange her, dass man mir das zuraunte und dabei entsetzt die Augen aufgerissen hat.

Die Person, die sich vor wirklich vielen Jahren über „die Ausländer“ in ihrem Dorf gewundert hatte, lag und liegt mir sehr am Herzen und ich werde sie nie vergessen. Sie war brav, arbeitsam und sicherlich nicht böswillig oder fremdenfeindlich. Sie verstand „die Fremden“ – die Asylanten – einfach nicht.

Heute bin ich ein Ausländer. Ein Mensch in einem fremden Land.

Es ist schwer, sich in eine neue Kultur einzuleben, einen „klassischen“ Alltag zu haben und sich anzupassen. Nun muss ich vorausschicken, dass der Unterschied zwischen Deutschland und Dänemark nicht sehr groß ist. Abgesehen von der knödeligen Sprache sind „die Deutschen“ und „die Dänen“ sich ziemlich ähnlich. Lediglich ist hier das konservative Spießbürgertum noch etwas stärker ausgeprägt und daher sind „wir“ im Vergleich zu „ihnen“ so ähnlich wie „die Italiener“ für „uns“: nämlich laut und auffallend.

„Wir“ sind die „anderen“.

Wie mag es da bloß all den Menschen mit total anderem kulturellen Hintergrund ergehen? Wie erleben das wohl die vielen Flüchtlinge? Wie mag sich wohl ein flüchtiger Syrer fühlen? Sowohl in Dänemark als auch in Deutschland?

Familie, Rücksichtnahme und Eingliederung heißt die Regel, mit der man zu einem geschätzten Mitglied der dänischen Gesellschaft wird.

Wir haben uns zu einer vollständigen Integration bereit erklärt, lernen fleißig Dänisch, gehen zu den dörflichen Veranstaltungen, schicken unsere Kinder in die Vuggestue und sind im Verteiler der „Straßenemails“ mit drin. Man begegnet uns mit ausgesprochener Freundlichkeit und ist jederzeit zu einer Unterhaltung mit uns bereit. Die eine Frau läuft sogar aus ihrem Garten heraus, wenn sie uns auf der Straße sieht, ein anderer läutet regelmäßig bei uns, wenn er zu einer Veranstaltung ins Versammlungshaus hochgeht, um uns herzlich dazu einzuladen. Wenn er doch nur endlich langsamer sprechen würde…!

Und trotzdem muss ich feststellen, dass ich ganz genau das mache, was man mir vor vielen Jahren als ein richtiges „Unfassbar!“ erzählte: Ich knüpfe nützliche Beziehungen zu „Gleichgesinnten“.

Einmal in der Woche gehe ich zum Sprachkurs, der stolze vier Stunden dauert. Das Tempo ist ansprechend, die „Schülerschaft“ gemischt. Sowohl verschiedenes Niveau als auch verschiedene Länder sitzen am gemeinsamen Gruppentisch: Tansania, Polen, Rumänien, Niederlande, Ukraine, Russland, Vietnam (?) und Deutschland.

Wir helfen uns nicht nur gegenseitig im Kurs, sondern auch bei Alltagsdingen, geben uns Ratschläge und „machan irgendwelche Gschäfterl mitnand“:

Diese Woche verhalf die Rumänin der Russin über die Vietnamesin (?) zu einem besseren Job. Um deren Job möchte sich dann eine Polin bewerben. Die Deutsche bot den Niederländern Übersetzungen einer Website ins Deutsche an und hat im Gegenzug dafür einen Wochenendurlaub in einer Hütte auf deren Ostseecampingplatz herausgehandelt. Diese wiederum verkaufen im Kurs Bioeier für lau und freuen sich über die mitgebrachten, leeren Marmeladengläser aller Kursteilnehmer. Sie verkaufen nämlich im Sommer auch Marmelade vom eigenen Hof. Der Russe bringt massenweise Eierkartons mit und seine Frau, die Konditorwaren professionell verkauft, backt einen gigantischen Gratiskuchen für den nächsten Kursabend, der bei den Niederländern am Lagerfeuer stattfinden wird. Die Deutsche holt dazu die Tansanianerin ab, die keinen Führerschein, dafür einen atemberaubenden Gemüsegarten inclusive afrikanischer Feldfrüchte hat. Die benachbarte Polin interessiert sich für einen Besuch bei den deutschen Zwillingen und deren Mutter hat schon im Hinterkopf, die junge Erzieherin zu bitten, ob sie nicht vielleicht mal Babysitten möchte. Die Rumänin hat die Deutsche zum Kaffee eingeladen, weil ihre Tochter so gerne mit kleinen Kindern spielen möchte. Und so weiter…

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