Ein Jahr in Dänemark – und darüber staune ich noch immer -2

Bildung. Gut? Schlecht? Das kann ich so noch nicht eindeutig sagen. Ich beschränke mich hiermit nur auf meine Beobachtungen im vergangenen Jahr:

Dänische Schulen sind anders als deutsche. Hier besuchen die Kinder bereits in der Vorschulklasse, also im letzten Kindergartenjahr, die Folkeskole. Als Klasse 0 treten sie ihre dortige Schullaufbahn an, welche bis zur 9. Klasse geht. Ab dann trennen sich die Schüler auf in ein sehr fein verzweigtes Schulsystem. Allein die gymnasiale Ausbildung umfasst vier verschiedene Schulen, wobei dem üblichen deutschen Gymnasium vermutlich das STX entsprechen dürfte. Was HHX, HF und HTX sind, müssen wir bis 1. März ganz genau wissen, denn das ist der Zeitpunkt, an dem wir unseren „Ausbildungsplan“ für den Preußenbayern an der offiziellen Stelle einreichen müssen. Wer noch nicht weiß, was er denn so machen will, der hat die Möglichkeit, eine freiwillige 10. Klasse dranzuhängen. Diese darf durchaus auch an den zur Zeit sehr beliebten „efterskolen“ absolviert werden. Eine solche efterskole ist ein Internat, das unterschiedliche Interessensschwerpunkte verfolgt (z.B. Musikschule, Sportschule oder auch spezialwissenschaftliche Ansätze). Ein Jahr efterskole kostet durchschnittlich 14000 Euro, wird staatlich gefördert und ist wie gesagt bei den Dänen sehr beliebt.

Wer nicht ans Gymnasium möchte, der kann zwischen verschiedenen Ausbildungsstätten im Bereich erhvervsuddannelse (EUX, also kaufmännisch) oder eine andere Berufsausbildung wählen (produktionsskole, EGU, STU und so weiter). Verdammt viele Xe, die da gerade so um Preußenbayers und Rotfraus Ohren schwirren…

Es gibt private Schulen, aber auch noch Friskolen. Letztere dürfen auf Elterninitiative hin eröffnet werden und verfolgen deren Erziehungsansätze (ja, also, ähäm…Spaß am Lernen haben die Kinder tatsächlich dort gehabt…!).

Kleine Kinder unter 3 Jahren können in die sogenannte vuggestue gebracht – im Prinzip entspricht das einer deutschen Krippe – oder eben von einer privaten dagplejemor betreut werden. Frauen bleiben in Dänemark eher selten bei ihren Kindern daheim und so sehe ich täglich viele solche Pflegemamas mit bis zu vier Kleinkindern zu den Spielplätzen pilgern. Die Kommune stellt für diese „Mütter“ riesige Kinderwägen und abenteuerliche Gefährte zur Verfügung. Ich habe privat Kontakt zu einer Frau, die erst im Mai eine solche Tagesmutter wurde und sie zeigte mir voller Stolz „ihre“ prächtigen Kinderwägen. Sie betreut drei syrische Kinder, deren Mütter tagsüber in den Sprachschulen unterrichtet werden.

So, und nun isses raus. „Ich schäme mich, eine Dänin zu sein“, sagte gestern Nachmittag eine Kollegin zu mir. Dass Dänemark die Grenzen geschlossen hat, wirft ein schlechtes Bild auf das Land. Jawoll, das war keine Glanzleistung, keine Rede. Das rechte Wahlergebnis war erschütternd. Punkt.

Fakt ist trotz allem, dass alle Menschen, die hier registiert sind und eine CPR-Nummer haben, eben auch in einem guten Bildungssystem gefördert werden. Der gsM und ich bekommen ebenfalls gratis Sprachunterricht im Umfang von 250 Unterrichtsstunden. Wir erhalten viele (echt jetzt!) Arbeitsbücher, Materialien und solide Übungsangebote. Im Anschluss daran müssen wir zu einer Prüfung antreten, nach deren Bestehen uns weiterer Unterricht ermöglicht wird.

Bibliotheken sind landesweit umsonst. Was eine Bücherei nicht hat, kann man sich gratis zuschicken lassen. Mit der sundhedskort kann man sich nicht nur in der Bücherei selbst bedienen, sondern auch auf ein umfangreiches Film- und Onlineangebot zugreifen.

Für den Preußenbayern musste ich, seit wir hier wohnen, weder ein einziges Schulheft, noch irgendwelche anderen Bücher, Materialien etc. bezahlen. Man hat ihm sogar Dänisch-Schulbücher aus Schleswig Holstein schicken lassen und selbst WOrrrd bekam er gratis für den neuen Laptop über sein UNI-logIN. Das ist eine Bildungsplattform, die nicht nur Office-Programme, sondern auch Filme, Medien und Lernprogramme zur Verfügung stellt. Die Schulen sind medial hervorragend ausgestattet, einen Overheadprojektor oder andere Relikte habe ich noch nirgends gesehen. Dafür Sechsfachstecker über den Gruppentischen, damit die Schüler ihre eigenen oder einen vom Schulwagen entliehenen Rechner (da stehen echt 20 Rechner im Gang rum!?Pro Stockwerk!?!) ans Intranet anstecken können. Um aber für ausgleichende Gerechtigkeit zu sorgen: Die Schulklos sind genau so, wie eben ein Schulklo aussieht. Älter als Oma und der Geruch wahrlich atemberaubend. Preußenbayer verweigert es jedenfalls 😉

Der Preußenbayer erhält während der Deutschstunden seiner Klassenkameraden Dänischunterricht und im Rahmen dieses Extraprogramms durfte er ebenfalls schon mehrere „Bildungsreisen“ unternehmen. Als ich ihm z.B. voller Freude von meinem Besuch des Vildmosemuseums in Brønderslev berichtete, meinte er nur gelangweilt, dass er da auch schon gewesen wäre.

Er hat dieses Schuljahr das Wahlfach Extremsport belegt. Vor zwei Wochen war er im Limfjord mit seinem von der Schule zur Verfügung gestellten Neoprenanzug schwimmen, am Sonntag werden sie an irgendeinen See gefahren. Im Frühjahr beginnt das Radtraining und er freut sich schon sehr auf die neuen Rennräder, die die Kommune dafür angeschafft hat. „Mama, die sind nagelneu und voll der Hammer!“

Meine Zwillinge besuchen die vuggestue. Sie dürfen dort täglich zwischen 6 und 17 Uhr sein. Sie erhalten Vollversorgung von der Windel bis zum Belohnungseis am Spielplatz. Vor der Sommerpause sind sie mit der Fähre auf eine Insel gefahren, letzten Montag besuchten sie einen Rummelplatz, nächsten Mittwoch fahren sie mit dem Bus in den Aalborger Zoo, eine Woche drauf fahren sie zu einem Erlebnisbauernhof usw. Das einzige, was ich zu tun habe, ist, sie rechtzeitig abzuliefern, denn ich darf meine Kinder ja bringen und holen, wann ich will. Jeden Tag anders, wenn es sein muss. Auf uns kommen nie Extrakosten zu und elterliche Mithilfe wird auch nicht eingefordert. Im Gegenteil: Wir werden hin und wieder zu Kaffee und Kuchen in die Gruppen eingeladen.

Wer Geringverdiener ist, der hat die Möglichkeit auf einen friplads, d.h. für das Kind wird ein Platz bei der Tagesmutter bzw. in der vuggestue bezahlt. Wie gesagt ist Berit Tagesmutter geworden, weil eben drei syrische Kinder zu betreuen waren, damit die Mamas zur Schule können. Denn ohne Dänisch bekommt man hier keine bzw. kaum eine Arbeit. Knallhart, ist aber so.

Wirkt auf den ersten Blick abschreckend und wenig einladend. Wie bitte, ich brauche als EU-Bürger eine Aufenthaltsgenehmigung? Eine Einreiseerlaubnis?

Jetzt, da ich als Inhaber einer dänischen CPRnummer etwas tiefer hinter die Kulissen gucken kann, habe ich ein kleines bisschen mehr Verständnis dafür, dass die Dänen ihre 25% Steuer und das, was sie unter anderem damit finanzieren, zu „beschützen“ versuchen. Vielleicht sollten sie aber mal ihre Herangehensweise ein bisschen besser überdenken…

Und für das aktuelle Flüchtlingsproblem muss sowieso bald eine europaweite  weltweite Lösung gefunden werden. Hoffe ich.

2 Gedanken zu “Ein Jahr in Dänemark – und darüber staune ich noch immer -2

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