Dänische Kultur: Was ist denn eigentlich „typisch dänisch“? [1]

Über die Dänen und deren Kultur im gelebten Alltag wussten wir vor unserem Umzug nicht so viel und ich denke, das geht vielen Deutschen nicht anders. Neueste Studien und Umfragen ergaben, dass sich Dänen zu den glücklichsten Menschen der Welt zählen dürfen und dass sogar ihre Babys weniger schreien als britische oder gar kanadische*!

Was nur macht sie so glücklich? Was machen sie anders als wir Deutsche?

Insgesamt habe ich beobachtet, dass die Dänen zufrieden sind, wenn sie sich als ein wertvoller Teil von Familie und Gesellschaft wissen. Man definiert sich hier nämlich durch Arbeit und Familie.

Dänen sind fleißige Lieschen

Ich erwähnte es bereits hier im Blog, aber in Dänemark arbeitet man gerne und an sieben Tagen in der Woche:

typisch dänisch

Etwas grob fand ich dann aber schon, sogar am Ostersonntag um 10 Uhr Vormittag das vertraute Brummen vernehmen zu müssen. Doch offenbar gefiel das nicht nur mir nicht, denn bereits nach wenigen Minuten verstummte der Rasenmäher wieder und feiertägliche Ruhe legte sich über unsere Wohnsiedlung.

Die meisten Dänen beginnen ihre Arbeit zeitig am Morgen, um dann pünktlich um 15 Uhr Feierabend machen zu können. Die 37 Stunden Woche ist üblich. Um 14:45 Uhr erhöhen sich wie von Geisterhand (*schmunzel*) die Benzinpreise, denn Pendeln ist besonders hier im dünn besiedelten Norden notwendig. Nach der Arbeit gehen viele zu Sport und Volkshochschulkursen. Die Anfangszeiten Kurse im Programmheft wirkten auf mich etwas lächerlich –  kein Yoga nach 18 Uhr? Ich konnte kaum „richtige“ Abendkurse entdecken!

Familie und Hygge

Am Abend stehen Familie und Kinder an erster Stelle, genau wie am Wochenende. Einen Termin für eine Eigentümerversammlung für Samstag vorzuschlagen, wird mit Gelächter beantwortet. Der typische Däne verbringt seine Freizeit mit Sport, Spiel oder regem Vereinsleben, aber auch unspektakuläre hygge mit der Familie gilt als anerkannte Freizeitbeschäftigung. Überhaupt ist alles nur zu gerne hyggelig, was soviel heißt wie gemütlich oder lauschig.

Sehr hyggelig darf und soll es sowohl im Privatleben als auch in der Arbeit sein. Gemütlichkeit und Wohlbefinden haben selbst in der Schulbildung einen hohen Stellenwert. Es wird eine komplette Schulwoche (!) dafür verwendet, ein Projektthema zu bearbeiten, wobei der Spaßfaktor und das soziale Erleben absoluten Vorrang vor kognitiven Lernzielen haben. Alle Schulen (Klasse 0 bis 9) veranstalteten unmittelbar vor der (schulfreien) Karwoche die sogenannte emneuge (Themenwoche), welche mit Schulfest und Spaßfreitag endete. Tanz, Yoga, Selbstverteidigung, Theatervorführungen – für jede Altersstufe wird ein spannendes Programm angeboten. Sportfest, Spieletag, Juleklip (hier die Erklärung) Freizeittag und vieles mehr bringen Farbe in den Schulalltag.

Ein zufriedenes Miteinander im täglichen Leben ist den Dänen sehr wichtig und an erster Stelle steht dafür die Familie.

Doch während man an sieben Tagen in der Woche bis spät am Abend einkaufen kann, schließen die Schwimmbäder an den Wochenenden um 16 Uhr! Über Ostern hatten fast alle Supermärkte von 8 bis 20 Uhr geöffnet, an fröhliche Pritschelei war nicht zu denken! Die Öffnungszeiten von Hallenbädern sind in den Ferien üblicherweise kürzer als während der Schulzeit. Was macht man bloß an einem nordjütländischen Regensonntag, an dem die lieben Kleinen unausstehlich sind?

Cafébesuche sind übrigens auch nicht so einfach. Als wir an einem etwas kalten Sonntagnachmittag in Blokhus einen warmen Tee trinken wollten, standen wir um kurz vor 4 quasi vor verschlossenen Toren. Der Wirt lachte und erklärte uns, dass Dänen alle um diese Zeit nach Hause gehen würden. Und dienstags hat übrigens sowieso kaum ein Lokal geöffnet, aber das ist eine andere Geschichte…

Um Vier ist also Schluss in Dänemark und das hat Methode hier 😉 : Die übliche Sprechstunde von Ärzten ist von 8 – 16 Uhr!

Bei Regenwetter füllen sich logischerweise die sogenannten Indoorspielplätze. Ich empfehle hiermit explizit, jene nach 16 Uhr zu besuchen. Sie schließen nämlich am Wochenende erst um 19 Uhr und man kann in den verbleibenden Stunden auf den Trampolins quer hüpfen, wenn man möchte!

Arbeit und Familie

Es ist absolut normal, die Arbeit umgehend zu beenden, wenn der Kindergarten anruft und um Abholung bittet, selbst wenn man, so wie ich, seinen Arbeitsplatz eben nicht so ohne weiteres verlassen kann. Selbstverständlich bekommt man frei, wenn man mit dem Kleinen zum Facharzt muss. Auf diese Termine muss man in Nordjütland nämlich sehr lange warten und sie werden zugewiesen. Zum Beispiel musste die Praxis aufgrund Krankheit einen Zahnarzttermin vom 18.4. absagen und nun dürfen die Zwillinge eben erst am 20. Juni kommen. Zahnärztliche Untersuchungen für Kinder und Jugendliche werden von der Kommune organisiert und die Praxis für Kinder befindet sich sogar in einer Schule. Jedes Jahr werden die Schüler zu Zahnarzt und auch zur Krankenschwester geschickt.

Wer seine Arbeit aufgrund eines Arzttermins vorzeitig beenden muss, dem wird der komplette Tag als abgeleisteter Arbeitstag angerechnet.

Wenn das Kind erkrankt ist, so meldet man sich „barnsyg“ (kindkrank). Man benötigt hiefür keine ärztliche Krankschreibung, die die Pflegebedürftigkeit des Nachwuchses bescheinigt. Ein Tag ist immer erlaubt und ich darf sogar zwei Tage pro Kind pro Krankheit daheim bleiben. Ob es ein Limit gibt, weiß ich nicht, aber einer Bekannten wurde aufgrund zu häufiger Krankheitstage gekündigt. Was auch immer das heißen mag.

Die Kommune bezahlt meinem Arbeitgeber in jedem Urlaubsjahr (in Dänemark von Mai bis Ende April gehend) pro Kind unter 7 Jahren zwei Tage für sogenannte „omsorgsfravær„, die ich wie ganz normale Urlaubstage vorher eintragen lassen darf. Beim Tod eines nahen Angehörigen gibt es mindestens einen Tag frei, wie wir inzwischen leider ebenfalls wissen.

Der Kindergarten und die Krippe haben jeweils von 6:30 bis 17 geöffnet. Die Bring- und Abholzeiten sind absolut flexibel. Wir können unsere Kinder holen und bringen, wie wir es gerade brauchen und das darf täglich anders sein.

Schwitzend vor Zeitdruck in die Arbeit rasen muss man hier eher selten. Wenn ich mich da zurückerinnere, wie oft ich damals beim kleinen Preußenbayer einem Herzinfarkt nahe war… ein entscheidender Stressfaktor war vermutlich eher der bayerische Berufsverkehr. Der ist hier in Aalborg übrigens nicht anstrengend.

Autofahren in Dänemark

Berufsverkehr.jpg

Ich weiß, dass man während der Autofahrt nicht fotografieren darf, aber ich will Ihnen doch was zeigen! Diese Aufnahme wurde an einem Montagmorgen um halb acht kurz vor dem Limfjordtunnel aufgenommen. Ich möchte mal sagen, dass das der stressigste Tag der Woche ist. Und dennoch halten die Autos Abstand zueinander und wer von rechts kommt, der wird rein gelassen. Denn genau das fordert das rote Zeichen auf der Autobahn:

B_2

Die zwei roten Pfeile weisen die Autofahrer an, im Reißverschluss einfädeln zu lassen. In eine dänische Autobahn einzufahren ist also wesentlich angenehmer als in eine deutsche: Es ist im Alltag so, dass man als Einfädler quasi „Vorfahrt“ hat.

Was mich aber unglaublich aufregt ist, dass dieses Verhalten auf Landstraßen fehlt. Wenn man auf die wahnwitzige Idee kommt, links in eine viel befahrene Straße einbiegen zu wollen, dann wartet man bis zum berühmten Sanktnimmerleinstag. Jemanden rein winken? Das kennt und tut man hier nicht. Man wartet, bis man an der Reihe ist, aktiv wie passiv. An einer in Sichtweite roten Ampel vorzeitig abzubremsen, um einen in der Seitenstraße wartenden Autofahrer rein zu lassen, scheint gar unfassbar zu sein! Ich habe schon mehrfach kopfschüttelnd wieder Gas gegeben, weil ich lediglich verwundertes Glotzen und standhaftes Stehenbleiben auf mein freundliches Winken zurück bekommen habe. Die Dänen fahren nicht mal, wenn man ihnen Wartezeit ersparen will oder weil man sowieso an der Ampel halten muss.

Natürlich gibt es Ausnahmen und natürlich gibt es Drängler, Huper und Vollhorste auf dänischen Straßen, aber im Normalfall ist es so, wie ich es oben beschrieben habe. Denn

Dänen sind höflich – Tak!

Tak for sidst!“ (Es war schön!), brüllte unser Nachbar vor kurzem durch die Hecke hindurch, um uns zu begrüßen. Wenn man gemeinsam eine soziale Veranstaltung (privat wie beruflich) besucht hat, beginnt man die nächstmögliche Begrüßung mit einem Dank dafür. Nach dem Essen stehen bereits winzige Kleinstkinder in der vuggestue vom Tisch auf und plappern ein „Tak for mad!“ (Danke für das Essen). Die übliche Verabschiedung in Arbeit und Kindergarten sind „Tak for i dag!“ (Danke für den Tag) bzw. „Tak for i aften!“ (Danke für den Abend) nach Party oder Abendkursen. Die Frage nach „Magst du einen Kaffee?“ beantwortet man nicht nur mit einem simplen „Ja“ oder „Nej“. Eine Freundin erklärte mir, das sei unhöflich und üblicherweise gehöre sich ein „Ja, tak!“ oder „Nej, tak!“. Man bedankt sich prinzipiell für erhaltene Aufmerksamkeiten, aber ein „Tak for kaffe“ würde ich nicht unbedingt wortwörtlich nehmen, wird es nämlich auch mit anderer Bedeutung gebraucht: „Prost Mahlzeit!“ bzw. Bairisch „Ja da wennst mir ned gehst!“

[* vgl. Die Zeit, No 15 vom 6. April 2017 ]

Herzliche Grüße aus Nordjütland,

Schriftzug Meermond klein Bilderstempel

42 Gedanken zu “Dänische Kultur: Was ist denn eigentlich „typisch dänisch“? [1]

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  4. Das klingt alles sehr bemerkenswert. Besonders schön finde ich deine Worte: „hygge mit der Familie gilt als anerkannte Freizeitbeschäftigung“. Wahrscheinlich wird bei euch einiges mehr in das Wohlbefinden innerhalb der Familie investiert oder in Dänemark wird es bewusster gelebt. Vielleicht ist auch jene Dankbarkeit ein Grund, die einem deutlich macht, was wirklich wichtig ist.

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  5. Im letzten Jahr wurde die Arbetslosengeldperiode von 4 auf 2 Jahre herabgesetzt. Wenn man arbeitslos ist, muss man eine bestimmte Anzahl Beyer ungen verschicken egal wie unsinnig, auch unaufgeforderte. Die Firmen sind sauer darueber. Alles muss auf der Amtwebseite dokumentiert werden. Bewerbungen mit Einheitstext werden vom Amt beanstandet. Periodisch wird man dann von einem klugen Menschen angerufen, der gute Ratschlaege gibt. Wenn man nicht demuetig genug ist, wird man runtergemacht und mit Streichung der Bezuege bedroht. Klingt das irgendwie bekannt? 🙂 gleichzeitig bekommt man 0 Jobs vom Amt angewiesen …

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    • Ich wollte einen Sachbearbeiter, der mir hilft, einen Job zu finden. Man lachte und zeigte mir das Jobportal. Als ich zweimal vergessen hatte, die Stellenangebote durchzulesen, wurde ich rausgeschmissen aus dem Portal.
      Mein Dänisch war damals schlecht und ich hätte wahrlich Hilfe gebrauchen können 👿

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  6. Lieber Meermond!

    Toll! Man könnte gerade meinen, im Norden leben ausgewanderte Schwaben. Zumindest wenn es um den Fleiß geht 🙂
    Und dass Familie und Höflichkeit groß geschrieben werden, finde ich ebenso klasse. Gepaart mit der nötigen Ruhe, einfach wunderbar. Vielleicht machts die endlose Weite, die ja doch reichlich bei Ihnen zu finden ist, dass bei Ihnen alles in allem solch ein herrliches Lebensklima herrscht.

    Herzliche Grüße aus dem hügeligen Süden
    Mallybeau … und jetzt wird wiedr was gschafft, gell 🙂

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  7. Sehr treffend beschrieben! Bliebe noch zu sagen, dass zwar die Sprechstunde der Ärzte bis 16:00h geht, man aber telefonisch schon ab 15:00h auf den Anrufbeantworter trifft, der einen höflich darauf hinweist, dass man ausserhalb der Sprechzeiten anrufen würde, und nur in dringenden Fällen eine andere Nummer wählen dürfe. Nach 16:00h ist sowieso die Lægevagt, der ärztliche Bereitschaftsdienst, dran. Der Arzt hat Feierabend!

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  8. Oh, das sind interessante Gepflogenheiten, die Du uns berichtest… was mich am meisten erstaunt hat: dass die Benzinpreise variieren je nach Tageszeit, dass die Dänen vor 15:00 mit der Arbeit fertig sind, dass man Jokertage an der Arbeit bekommt.
    Herzlich. Priska

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