Digitales Dänemark

Pünktchen und Wortgestöber (hier) haben mir freundlicherweise einen Artikel zukommen lassen, zu dem ich im Folgenden Stellung nehmen möchte.

Im Beitrag „Kopenhagen als Vorbild für Bremen“, erschienen im Weser Kurier am 8.9.2017, schreibt der Autor Florian Schwiegershausen unter anderem über die Digitalisierung in Dänemark.  [Quelle: https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-wirtschaft_artikel,-kopenhagen-als-vorbild-fuer-bremen-_arid,1645356.html]

Dänemark ist tatsächlich viel weiter in seiner digitalen Entwicklung als ich es von Deutschland kenne. Im Artikel versucht der Verfasser etwas zu beschreiben, was er aber mangels vergleichbarer Art offenbar nicht wirklich verstanden hat.

Ich gestehe, auch wir haben am Anfang unsere Probleme damit gehabt, quasi „von Null auf Hundert“ einzusteigen. Hier ein paar amüsante Geschichten, wie das zu verstehen ist:

Oktober 2014:

Meermond beschloss, für ihre Familie einen Büchereiausweis zu erwerben. Artig stellte sie sich hierzu am Informationsschalter an und erklärte der freundlich lächelnden Dame in noch dürftigen Dänisch ihr Anliegen.

Die wunderte sich ganz offensichtlich und fragte ständig nach der Krankenkarte.

Ich beteuerte ihr mehrfach, dass ich nicht zu einem Arzt wolle, sondern lediglich Bücher ausleihen wolle. Und dass ich gerne einen Familienausweis haben wolle.

Irgendwann wurde es mir zu doof und ich reichte ihr schließlich meine Krankenkarte.

Sie lächelte, zog die Karte durch einen Scanner, guckte ins System und sagte: „Sag mir vier Zahlen!“

Etwas perplex nannte ich vier Zahlen und sie tippte sie in den Computer ein.

„Das ist jetzt dein PIN. Merke dir die Zahlen. Da vorne sind Scanner, damit kannst du dich einloggen und mit dem PIN auf deine Datei zugreifen. Du kannst Bücher, Filme und alle Medien aus ganz Dänemark bestellen und hier her geliefert bekommen. Zugleich hast du Zugriff auf ein virtuelles Angebot.“ Sie gab mir eine Broschüre.

Ich zückte dankbar ob der Tatsache, dass sie langsam und mit einfachen Worten gesprochen hatte, meinen Geldbeutel und fragte nach dem Jahrespreis.

„Ihr zahlt in Dänemark Steuern. Das reicht.“

November 2014 

Der gsM und ich haben ein Haus gekauft.

Als wir während der Verkaufsverhandlungen nach Notartermin und Grundbucheinträgen fragten, wurden wir überrascht angeguckt. Wieder einmal.

Tatsächlich haben wir unseren Kaufvertrag im Schlafanzug (sic!) um halb elf in der Nacht mit Cider- bzw. Bierdose in der Hand unterschrieben. Bekräftigt und rechtswirksam wurde der Vertrag durch eine Identifizierung mittels unserer NEM ID.

Diese NEM ID ist unser virtuelles Ich. Mit jenem ist das sogenannte NEM Konto verknüpft, auf das Gelder eingehen können. Sämtliche offiziellen Angelegenheiten – Steuer, Kommune, Gesundheit usw. – geschehen darüber. Man muss sich einloggen, mit einer TAN bestätigen und schon kann man Bescheide und Nachrichten lesen. Das zugehörige Programm heißt e-boks. Auch Briefe von beispielsweise Rentenversicherer, Arbeitgeber oder Krankenversicherung können dort abgerufen werden. Behördengänge werden zunehmend abgelöst durch ein „Selbstbedienungsportal“ unter borger.dk. Ist Post eingegangen, erhält man eine SMS.

Dezember 2014 

Weihnachtsmarkt in Aalborg. Ach wie herrlich, welch ein Glitzern, welch eine Pracht und schwupps kauften wir gebrannte Mandeln, Glühwein und viel zu viel Gelumpe, das wir im Januar auf den Hüften verfluchen sollten. Artig rannten wir zum Geldautomaten, um unsere leeren Geldbeutel wieder aufzufüllen. An der Hotdogbude stand eine Frau neben mir und zückte ihr Smartphone. Ich wusste nicht, was und wie sie vorging, aber sie bezahlte in diesem Moment ihre Hotdogs.

Heute habe ich überwiegend kein Geld im Geldbeutel und ich brauche auch keines! Man kann überall und ohne Mindestumsatz mit der Dankort bezahlen. Ob es nun die Frühstückssemmel ist oder ob man damit in eine Tiefgarage reinfahren will. Mein gsM geht oft nur mit dem Handy außer Haus: In der Hülle steckt die Karte und auf dem Smartphone ist mobile pay installiert. Mit dieser App kann man entweder den jeweilig benötigten QR Code einscannen oder die Empfängernummer eintippen und fertig. Geld? Brauche ich fast nie, es will auch nicht unbedingt jeder haben und man gewöhnt sich das Leben ohne Geld an!

Als ich übrigens im Februar 2017 mir dem großen Preußenbayern in Deutschland war, wollte ich an der Autobahn im MC Würg mit der Karte zahlen. Wohlgemerkt eine EC Karte einer deutschen Bank! Man guckte mich an, als käme ich von einem anderen Stern. Gottlob hatte ich noch ein paar Münzen übrig, sodass mein armer Sohn nicht weiter hungern musste.

Februar 2015

Meermond hatte sich ziemlich das Kreuz verrissen und musste zum Arzt, der ihr prompt zu Krankengymnastik riet und ihr mehrere Praxen auf einen Zettel aufschrieb.

Artig setzte sie sich nach der Behandlung ins Wartezimmer und wartete auf das Rezept. Die Arzthelferinnen telefonierten, flitzten hin und her und waren irre beschäftigt. Ich wartete.

Nach einer dreiviertel Stunde – tatsächlich! – verließ ich kopfschüttelnd die Praxis und therapierte mich selbst.

Als ich im Mai wieder bei meiner Ärztin war, erkundigte die sich, wie denn die Krankengymnastik gewesen sei.

– Ja, wie? –

Seit diesem Zeitpunkt weiß ich, dass alle Überweisungen, Rezepte, Therapien und so weiter online in die Gesundheitsakte eingetragen werden. Auf selbige habe ich im Übrigen Zugriff via einer virtuellen Identität. Dort kann ich zum Beispiel auch meinen aktuellen Operationsbericht (mehr dazu) einsehen.

Nach dem Arztbesuch geht man also in eine Apotheke / Physiotherapeuten usw. und lässt die Gesundheitskarte durch den Scanner ziehen. Und schon bekommt man Medikamente oder was man eben gerade benötigt. Im Übrigen muss man nach einem Besuch in der Notaufnahme oder auch nach einem stationären Aufenthalt nicht wie in Deutschland zum Hausarzt, um mehr Medikamente zu erhalten.

Fazit

Es war nicht leicht, aus einem eher digital vorzeitlichen Deutschland nach Dänemark zu kommen. Und ich bin noch immer ab und an verstört, wie gelassen die Dänen ihre real gewordene „Gläsernheit“ hinnehmen. Muss eine Ware im Geschäft bestellt werden, wird man nach der Telefonnummer gefragt und schwupp stehen auf dem Computer alle Daten, die der Verkäufer braucht. Facebook sollte in Dänemark wohl eher „Danbook“ heißen. Alle sind drin und alle teilen munter alles miteinander. Man hat irgendwie kein Problem damit, dass man gläsern ist.

Ein Däne guckt nicht in fremde Fenster und hat oft auch keine Vorhänge, weil er im Prinzip nichts zu verbergen hat. Und genau so ist das mit der Digitalisierung: Angst vor dieser digitalen Realität hat man hier nicht. Ich erkläre mir das mit dem Janteloven, das wie ein dänischer Verhaltenskodex verstanden werden muss:

  1. Du sollst nicht glauben, dass du etwas Besonderes bist.
  2. Du sollst nicht glauben, dass du uns ebenbürtig bist.
  3. Du sollst nicht glauben, dass du klüger bist als wir.
  4. Du sollst dir nicht einbilden, dass du besser bist als wir.
  5. Du sollst nicht glauben, dass du mehr weißt als wir.
  6. Du sollst nicht glauben, dass du mehr wert bist als wir.
  7. Du sollst nicht glauben, dass du zu etwas taugst.
  8. Du sollst nicht über uns lachen.
  9. Du sollst nicht glauben, dass sich irgendjemand um dich kümmert.
  10. Du sollst nicht glauben, dass du uns etwas beibringen kannst.

Für mich als Deutsche, deren Angst weltbekannt ist, ist das alles auch nach drei Jahren irgendwie unheimlich, obwohl ich den damit verbundenen Komfort durchaus zu schätzen weiß.

Im oben genannten Artikel wird berichtet, dass Bremen von Kopenhagen lernen möchte. Sicher, ich kann verstehen, dass Deutschland nicht digital abgehängt werden darf. Aber könnten sich die lernwilligen Deutschen nicht auch gleich mal bitte informieren, was Dänemark im Bereich Energie und Umwelt macht? Ich verweise an dieser Stelle auf einen mir sehr wichtigen Beitrag:

Die Zukunft beginnt in Nordjütland.  

Danke.

22 Gedanken zu “Digitales Dänemark

      • Mau Meermond, die haben doch inden artikel gesagt in Dänemark kann man Räder umsonst ausleihen nur 20 DKR Pfand, find ich praktisch kann man fast überall mit dem Rad hin, also die Großen, kleine Kater wohl eher nicht, und muss keine Angst haben das das Rad geklaut wird, wie die Mami. Die hat nämlich immer Angst das Rad wird geklaut und darum fährt sie viel mit dem Auto..
        Schnuuur Felix

        Gefällt 1 Person

        • Ja, diese City bikes gibt es in Løkken, Aalborg und Hjørring ebenfalls. Sind ziemlich praktisch. Man darf damit im Bereich eines Kartenausschnitts, der am Lenker montiert ist, fahren und muss es an den entsprechenden Stationen abgeben. Wo genau und wann, das bestimmt man selbst bzw. die anderen. Wenn nämlich kein Schloss mehr frei ist, muss man zum nächsten Platz fahren. Auf der Karte sind die „Haltestellen“ eingezeichnet. Sehr praktisch!

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    • Bittesehr, gerne geschehen.
      Auch hier oben gibt es Menschen, die diesen Prozess nicht mitmachen wollen bzw können. Aber man wird einfach dazu Gezwungen: Behörden bieten eher an, z.B. alten Leutchen am Computer zu helfen, als ein gedrucktes Papier zu versenden.
      Ich glaube, die Dänen haben in vielen Bereichen eher eine „stoische Gelassenheit“. Für uns Deutsche war es schon eine arge Umstellung.

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  1. So jetzt hast du es endgültig geschafft. Ich bin super neidisch auf Dänemark und denke langsam aber sicher darüber nach, die Koffer zu packen. Wenn man deine Berichte liest, hat man das Gefühl, dass sich Deutschland im Mittelalter befindet. Die Politiker labern und labern und nichts passiert. Schönes Wochenende.

    Gefällt 2 Personen

    • Ich glaube, dass in Deutschland sowohl andere Strukturen als auch zuviele Bürger sind, um so schnell und rabiat umzustellen. Doch ich bin davon überzeugt, dass bald ein gewisser „Aufwachprozess“ kommt.
      LG

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  2. Seit einigen Jahren machen auch die Kommunen alles nur noch elektronisch. Rente, Steuern, you name it. Wer keinen Computer hat kann ja in die Bücherei gehen und dort einen gratis benutzen. Ältere Leute, die sich das mit Computer nicht zutrauten, konnten eine Ausnahmeregelung beantragen. Man hat ihnen allerdings auch nahegelegt, eine Person ihres Vertrauens zu bevollmächtigen, ihre Angelegenheiten für sie online zu regeln.

    Die Eboks ist eine feine Sache, eine Art cloud für die man nicht bezahlt. Die Dokumente, die dort liegen, kann man nur selbst aufrufen. Man benötigt dafür ein Password und einen Nummerncode, den man auf einer Karte hat, und der jedes Mal anders ist. Also auf der Karte sind ca. 150 Nummernfolgen für alle möglichen Transaktionen, Bank, borger.dk, Steuerbehörden etc.

    Alles was im Folkeregister steht, wie Name und Anschrift ist allerdings für jede Firma abrufbar, wenn man ihnen die Telefonnummer oder Sozialversicherungsnummer gibt. Wenn man das nicht will, kann man aber auch eine heimliche Telefonnummer haben und die CPR-Nummer muss man nicht preisgeben, ausser beim Arzt und in der Apotheke. Naja, und bei der Bank, wenn man ein Konto oder einen Kredit haben will …

    Das mit den online-Rezepten für Medizin ist so eine Sache. Ich weiss nicht wie hack-sicher das System ist. Ich bin da nicht so begeistert von. Für meine Antibiotika habe ich ein Papierrezept bekommen. Die sind also noch nicht völlig ausgestorben. 😉

    Gefällt 1 Person

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