Bloggeplauder mit der Kapidänin

Vor einiger Zeit habe ich damit begonnen, eine Unterhaltung mit einer anderen Bloggerin zu führen. Sie schreibt den Blog Kapidänin und unser gemeinsames Interesse gilt Dänemark.

Wie schon bei der letzten Plauderei publiziere ich in losen Abständen unseren Briefwechsel und hoffe, dass ich auch dieses Mal mehrere Teile mit Hintergrundwissen anbieten kann.

God fornøjelse ❤

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Liebe Bille,

am Sonntag hat es angefangen zu regnen. Das war auch dringend notwendig, denn wir erleben den heißesten Mai seit langem. Die Zahl der Sonnenstunden bricht inzwischen  Rekorde, so der dänische Wetterdienst. 

Wir freuen uns natürlich, dass wir endlich einmal einen Sommer erleben dürfen, der warm und sonnig ist. Und es ist uns egal, dass es erst Mai ist. Die vergangenen drei Jahre waren so schlimm. Stell dir vor, im Sommer 2015 kam sogar ein Nachbar extra zu uns, um uns mitzuteilen, es wäre nicht immer so in Nordjütland. Wir sollten doch bitte unseren Umzug hierher nicht bereuen 😉

Fakt ist, wir erleben jetzt gerade unseren ersten Sommer in Dänemark:

Lønstrup Strand

Südseefarben an der Nordseeküste

Mein wundervoller gsM wollte meiner Erzählung nicht mehr glauben, ich hätte vor ein paar Jahren einen Hitzschlag in Tornby gehabt. Die Gewässer sind inzwischen auch deutlich wärmer geworden. Im Limfjord kann man theoretisch schon baden und mein großer Prachtsohn hat am Wochenende die Badesaison in Saltum offiziell eingeläutet. Das klingt eigentlich recht positiv, aber gleichzeitig liegt mir eine andere Meldung im Magen. Die Binnengewässer sind bereits 3-4 Grad wärmer als üblich und das Algenwachstum und die Eintrübungen sind alarmierend. Zuviel Stickstoff, zuviel Nitrate im Wasser. Die Landwirtschaft wehrt ab, die Verantwortlichen zucken die Schulter und die Öffentlichkeit ist entsetzt über einen angeblichen Fehler in den Messverfahren in den vergangenen 10 (!) Jahren. 

Die Viehzucht in DK ist ein Problem. Du kennst sie sicherlich, die riesigen Schweineställe, die Unmengen an Gülle produzieren. 😦 

Ich sitze seit Tagen mit Magengrummeln vor meinem Computer und frage mich, ob ich darüber einen Blogpost schreiben sollte. Will man das über sein/ihr „Herzensland“ lesen? 

Was meinst du?

Ich freue mich auf Kritik, Anregung oder einfach nette Grüße.

Alles Liebe,

Marion 

 

Liebe Marion,

auch etwas südlicher erleben wir seit langem mal wieder einen richtigen Sommer. Und ob der Wetterkapriolen der letzten Tage weiter im Süden bin ich sehr froh, hier im Norden davon verschont zu sein. 

Also genieße ich das Wetter – wann immer ich nicht im Büro sitze – und ja, baden war ich auch schon und es ist herrlich, so früh im Jahr in die Ostsee zu tauchen! Da ist es zwar kalt, aber noch herrlich klar. Das wird sich, bleibt es so warm, aber wohl schnell ändern – ähnlich wie in den Binnenseen. 

Da haben wir ganz ähnliche Probleme wie Ihr weiter im Norden. Auch hier werden Jahr für Jahr Badeverbote für einzelne Seen ausgesprochen, die Werte sind dann einfach zu schlecht. Erst im April wurde öffentlich, dass nur einer von 62 untersuchten Seen in Schleswig-Holstein gute Werte aufweise – die Hälfte fiel mit einem „unbefriedigend“ durch. Als Grund nannte das Umweltministerium zu hohe Phosporeinträge aus der Landwirtschaft.

Du fragst mich, ob Du wohl darüber schrieben solltest – über die Probleme, die es in Dänemark zum Beispiel mit der Viehzucht und den daraus resultierenden Wirkungen auf die Umwelt  gibt und ob wohl irgendwer so etwas lesen möchte über sein „Herzensland Dänemark“? Meine Antwort: Ja. Ich finde, das solltest Du. Ich weiß zwar nicht, ob viele so etwas lesen möchten– ich finde aber, sie sollten.  

Es ist schwierig, dieses rosarote, mit Glitzer und Feenstaub überzogene Bild von Dänemark, das einige Köpfe bestimmt.

Als ich noch unterrichtete, thematisierten wir in einem Kurs, der Skandinavische Krimis zum Thema hatte, die Krimi Reihe von Dan Turéll. Kennst Du bestimmt, die Reihe um den namenlosen Journalisten, deren Bücher alle mit Mord i… betitelt sind. Ganz ernst gemeint fragte mich damals zu Beginn eine Teilnehmerin, warum ich mir so etwas ausgesucht habe, so etwas würde es doch schließlich in Dänemark nicht geben. Und Mörder?

Hm. Was sollte ich sagen? 

Einerseits kann ich es nachvollziehen, wenn ich an mich als Kind denke. Ich kannte Dänemark nur aus den drei Wochen Urlaub im Jahr, die für mich die beste Zeit des Jahres waren. Zusammen mit der ganzen Familie, jeden Tag am Strand (ja, da gab es sie noch regelmäßig, diese warmen Sommer ;-)), Spieleabende statt früh ins Bett müssen und 50 Kronen Taschengeld in der Woche am ersten Tag in fünf Eis umsetzen.  Herrlich. 

Aber ein Land macht eben mehr aus. Als ich während des Studiums mehrmals längere Zeit in Dänemark war und dann auch in dem Land arbeitete, das ich bisher eben nur aus dem Urlaub kannte, hatte ich etwas Sorge, dass sich meine Liebe für Dänemark abschwächen – wenn sich sogar verflüchtigen – könnte. Das Gegenteil war der Fall. Ich denke, es ist so wie in den meisten Fällen: Man mag etwas  – oder auch jemanden – nicht nur, weil alles schön und aalglatt ist. Man mag auch, weil es Ecken und Kanten gibt. Und manchmal sogar trotz der Macken. 

So sollte man es auch mit Dänemark sehen – es ist nicht alles rosarot dort (wie sollte es auch? Es ist real und eben KEIN Traumland. Und außerdem ist es rot/weiß – aber ich schweife ab) und der Sympathie oder der Liebe, wie viele es nennen, wird es keinen Abbruch tun, beschäftigt man sich mal mit den Problemen, die in einem Land existieren.

Vielleicht wird es dann ja zum echten „Herzensland“?

Schreib Dir Dein Magengrummeln von der Seele – ich freue mich drauf! und auch darauf, wieder von Dir zu lesen.

Kærlige hilsner

Bille

 

Liebe Bille,

stell dir vor, dein Brief bekam heute für mich eine besondere Bedeutung, als ich heute Mittag zur Frokostpause in einem kleinen Pizzaimbiss in Kopenhagen saß:

Ich habe das erste Mal in meinem Leben einen Eindruck von der Wucht einer Schusswaffe erhalten! In dem Fenster der Pizzaria, die in einer etwas verrufenen Gegend von Kopenhagen liegt, war tatsächlich ein Einschussloch in der Glasscheibe. Meine Freundin, die bis vor 9 Jahren dort gelebt hatte, meinte nur, dass Schießereien in Nørrebro gar nicht so ungewöhnlich seien. Bandenkriege gäbe es da öfter. Sie habe sogar schon mal gesehen, wie entlang der gesamten Straße Mülltonnen und Gegenstände brannten. Weil gegen die Schließung eines Jugendcenters protestiert wurde. Das müsse sie nicht noch einmal erleben. Und dann biss sie gleichgültig in ihre Pizza.

Tja, das hyggelige Dänemark hat auch hartes Pflaster zu bieten! Und sehr wohl muss darüber geschrieben werden. Sei es in Romanen oder auch mal in Blogs.

Ich danke dir nach diesen Erlebnissen und Erfahrungen für deinen Zuspruch, auch mal unangenehme Seiten anzusprechen. Das werde ich. Tak.

Du fragtest mich, was ein Nordjütländer Landei in der Großstadt tut?

Nun, ich befinde mich im einwöchigen Praxisteil  meines Ausbildungskurses. Ich bin dabei, mich beruflich „zu erweitern“ und meine Arbeit als Freiwillige bei der mødrehjælpen aufzuwerten. Ich kann dann nach bestandenem Examen Kurse in Babymassage nach dem Prinzip „Geborgen und Freudig“ abhalten. Die Dame, die diese Methode erfunden hat, ist im Moment sehr populär und hoch angesehen hier.

Babymassage Tryk og glad

Babys Beschwerden lindern durch gezielte Massage und Zonentherapie ❤

Ihr Name ist quasi Qualitätsurteil und sie hat großen Erfolg mit ihrer Art, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Für mich als gebürtiger Bayer und lebhafte Rotfrau ist das übrigens gar nicht so außergewöhnlich. 

Diese Frau sprüht vor Energie und sie ist sehr extrovertiert. Ihre Körpersprache ist vergleichsweise lebhaft.

Die dänischen Teilnehmer zeigen sich sehr beeindruckt und gestehen mir, dass sie selbst „aldrig“ so sein könnten. Wir wurden sogar mit Umarmung von ihr begrüßt und sie forderte uns Teilnehmer dazu auf, in tänzerischer Ausdrucksweise locker zu werden. Und da erlebte ich wieder mal einen klaren Unterschied zwischen Dänen und Bayern:

Für mich ist das normal, Emotionen und Körpersprache zu zeigen, die mir stets kontrolliert erscheinenden Dänen schaffen das nicht. Eine Nation, die zur Silberhochzeit um sechs Uhr morgens mit Zylinder, Frack und Blasmusik aufkreuzt und das Paar plangemäß aufweckt, soll plötzlich losgelöst und frei mit anderen herumtanzen?

Kennst du übrigens die Tradition bei der Silberhochzeit? Erst wird Musik gemacht. Dann wird gemeinsam gesungen, eine Mahlzeit eingenommen und dazu muss das Jubelpaar überrascht im Nachthemd aus dem Haus gehen. Und sehr überrascht sein. Natürlich wird lange vorher dazu eingeladen, geplant und minutengenau angefangen. Hihi.

Endlich war ich also einmal mit einer Dänin im Raum, deren Gesicht ähnlich viele Grimassen ziehen konnte wie mein eigenes und deren Körpersprache sogar noch lebhafter als die meine war. Ich glaube, diese Woche wird super lustig. 

Wie wirken die Dänen eigentlich auf dich? Verstehst du ihren seltsamen Humor? Ich wurde liebevoll ausgelacht, weil ich ein „Nein, du darfst meinen Stift nicht ausleihen“ wörtlich genommen hatte und ihn beschämt zurück gegeben hatte. Nå?  

Grüße aus einem Vorort von Kopenhagen,

Marion

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Ich hoffe auf Fortsetzung 🙂

Schriftzug Meermond

 

 

 

 

Hier geht es zum ersten Bloggeplauder: 

https://meermond.blog/2017/05/04/bloggeplauder-zwei-deutsche-in-daenemark/

https://meermond.blog/2017/05/16/bloggeplauder-zwei-deutsche-in-daenemark-2/

https://meermond.blog/2017/07/10/bloggeplauder-zwei-deutsche-in-daenemark-3/

9 Gedanken zu “Bloggeplauder mit der Kapidänin

  1. Hallo, ich verfolge gespannt deinen Blog, weil wir in ein paar Wochen mit unseren beiden Kindern in die Nähe von Kopenhagen ziehen werden. Ich mag es sehr, dass Du die Realität beschreibst, denn das ist unglaublich wichtig und zugleich auch sehr spannend. Auf mich wirkt das keinesfalls abschreckend.
    Neuseeland hat übrigens den gleichen Effekt. Alles, was an Werbung ankommt, ist 100% pure, unberührte Natur. Die Realität ist aber eine ganz andere, wie wir vor kurzem selbst feststellen durften. Trotzdem hat es unserer Reise und Begeisterung für das Land keinen Abbruch getan.
    Weiter so, ich bin sehr gespannt und lese weiter mit 🙂
    Alles Liebe, Rachel

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    • Liebe Rachel, danke für deinen aufmunternden Kommentar. Ich wünsche euch alles alles Gute für euren Umzug und ein schnelles Einleben 😍 Darf ich dich dann mal „interviewen“, wie es dir so ergeht? Ich glaube, DAS wäre ein super interessanter Artikel…. Venlige hilsner 🤗

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      • Hallo und guten Morgen ☀️
        Da fühle ich mich aber geehrt. Klar, das mache ich gerne. Lass uns einfach in Kontakt bleiben. In einem Monat geht es los und wir sind mehr als aufgeregt. Ich lese deinen Blog durch und nehme alles an Tipps mit, die wir gerade benötigen können. Auf den nächsten Briefwechsel mit deiner Bloggerfreundin bin ich auch wieder sehr gespannt!

        Beste Grüße und „vi ses!“

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        • Jubiii. 😍 Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Rückblicke in dieser Zeit extrem (!) schwierig sind. Wenn du mir gestattest, würde ich dir daher gerne – auf meinen Erfahrungen basierend – schon jetzt erste Fragen zumailen. Darf ich hierzu die von dir angegebene Emailadresse auslesen und benutzen?

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