Bloggeplauder mit der Kapidänin – 3

Im dritten Teil unserer virtuellen Unterhaltung tauschen die Bloggerin Kapidänin und ich uns über Themen aus, von denen man mit Sicherheit in keinem Reiseführer oder Spezialmagazin über Dänemark lesen kann.

 

God fornøjelse

 

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Liebe Marion,

ich habe mich sehr gefreut, von Dir zu lesen! Toll, was Du berichtest – ich finde es immer schön, wenn man erfährt, dass die eigenen Erfahrungen und Eindrücke nicht singulär sind. Dass auch andere erleben, dass vieles anders läuft in Dänemark und anders wahrgenommen wird – und daher je nachdem völlig selbstverständlich ist oder eben mit einem trockenen Kommentar registriert wird.

Was Du bei Deiner Arbeit erlebt hast, kommt mir alles sehr bekannt vor – so ging es mir auch. Man ist per du. Man ist auf Augenhöhe. Das ist zumindest nicht der Regelfall in Deutschland. In Dänemark aber schon. Obwohl nach meinem Empfinden das Duzen in Dänemark anders ist als in Deutschland. In Deutschland ist ein per du oftmals leider auch eine Art empfundene Verbrüderung, wenn es schlecht läuft sogar ein wenig Verlust des Respekts. „Ich sage schneller du Blödmann als Sie Blödmann“ ist ja nicht so ganz falsch. Das ist im Norden anders – jedenfalls meiner Meinung nach. Hier gleicht das DU eher dem englischen YOU und bedeutet trotzdem. dass man sein Gegenüber sehr wohl respektiert. Ich habe das übrigens auch im universitären Bereich so erlebt – und gerade dort legt man ja in Deutschland oft Wert auf korrekte Ansprache. Ein Professor, mit dem ich im Zuge meiner Magisterarbeit zu tun hatte, schrieb mir auf meine erste Mail hin „Kærlig hilsen, Per“ – tja, da war ich – ehrlich gesagt – damals noch etwas irritiert.

Das Jantelov – so spannend, ja. Und in seiner positiven Ausführung auch genau das: laub nicht, dass du besser bist als ein anderer. Das ist wirklich tief verwurzelt in den Menschen – besonders angenehm empfinde ich auch den damit zusammenhängenden Zug der Dänen, nicht ständig das Gefühl zu haben, zu kurz zu kommen. Zufrieden zu sein. Und das hat gar nichts mit Naivität zu tun – das wird ja manchmal in diese Richtung
missverstanden.

Übrigens – ich mag deine Sprachartikel sehr! Ist es nicht spannend? So ein kleines Land mit so vielen Dialekten? Es gibt in Dänemark mehr Dialekte als in Deutschland – und einige sind wirklich kaum zu verstehen. Für mich jedenfalls. Das Dänisch in Nordjütland – vor allem in Vendsyssel – ist für mich wirklich das Vertrauteste – klar, das ist natürlich Gewöhnung. Aber das Vendelbomål, also den Dialekt, den verstehe auch ich nicht. Ich tue mich aber auch zum Beispiel sehr schwer mit Plattdeutsch.

Und tatsächlich gehen die Meinungen zum Thema „Wie klingt Dänisch für dich?“ total auseinander. Je nachdem, aus welcher Region die Sprecher, die die Befragten hörten, stammten. Von heiße Kartoffel im Mund, hingenuschelt und das kann ich nur nach 3 Bier aussprechen bis abgehackt und unmelodisch hört man da alles. Spricht jemand zum Beispiel wirklich mit ausgeprägtem Stød, klingt Dänisch tatsächlich ganz anders, nämlich
etwas abgehackt. Die Københavner singen angeblich, die Jüten nuscheln und so gibt es zu jeder Region, zu jeder Insel eine Anekdote zur Sprachverwirrung, ein Wort, das völlig anders ausgesprochen wird, Redewendungen, die erklärt werden müssen. Ist das nicht großartig?  Man kann also quasi gar nichts „falsch“ aussprechen. Nur eben anders 😉
Und die Redewendungen…! Wie cool ist das, wenn man eine Sprache lernt und solche Unterschiede feststellt?

Als ich anfing in Dänemark, sagte mir ein Kollege, ich solle slå på tråden – also auf den Draht schlagen und ich dachte HÄ? Was ist das denn für ein merkwürdiger Ritus? Dabei bedeutet es einfach, ich solle anrufen. Die Redewendung kommt vermutlich nocht aus der Zeit des Telegraphierens, ist aber heute überhaupt nicht mehr verständlich.  Das gibt es natürlich auch in anderen Sprachen – ein guter Freund von mir ist Schweizer und da ist „gib mir nachher ein Telefon“ eine übliche Redewendung, wenn man um einen Anruf bittet (wenigstens kommt das Wort Telefon drin vor :-))

Und auch bei røg i køkkenet muss man nicht nach nem Feuerlöscher suchen, damit ist einfach nur die sprichwörtlich dicke Luft gemeint – ein Bild, das ich übrigens richtig klasse finde. Du har bløde kinder ist ja ein Klassiker, der bestimmt durch jedes Klassenzimmer und Dänischkurs geistert und meine Freundin sagt immer „das ist heimgestrickt“, wenn sie Deutsch spricht und von etwas redet, das sie selbst gemacht hat. Was auch immer das dann ist – gestrickt ist es sicher nicht 🙂

Sag mal, was macht Dein Garten? Das Wetter hat sich doch wieder beruhigt?
Liebe Grüße und hoffentlich bis bald!

Vi snakkes ved!

Bille

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Liebe Bille,

vielen Dank für den Einblick in deine Erlebnisse und in die Stilblüten der dänischen Sprache ❤ .

Ich knüpfe heute an die Thematik „Zufriedenheit der Dänen“ an. Dazu fallen mir nämlich zwei Zitate ein, die mich letzte Woche schmunzeln haben lassen:

„Wir arbeiten und dann freuen wir uns, dass uns Skat wenigstens ein bisschen was vom Lohn übrig lässt“  und „Wir Dänen sind das meist bescheidene Volk der Welt.“

Der dänische Humor springt förmlich aus dem Bildschirm raus, nicht? Und doch steckt eine tiefe Wahrheit dahinter: Es ist wie es ist und es kommt wie es kommt.

Was aber bei Weitem nicht heißen soll, dass Dänemark perfekt ist. Es gibt hier sehr wohl auch ein kleines bisschen Schildbürga und ich scheine dort zu wohnen!

earth-1617121_1920Stell dir vor, das vergleichsweise winzig kleine Städtchen Brønderslev (12000 Einwohner) sammelt eifrig Spenden, um die 4,2 Millionen teure Ausstellung >Climate Planet< zu bekommen, die vorher in Kopenhagen, Aarhus und Bonn gewesen war. Wenn es nach dem Wunsch der örtlichen Handelsvereinigung geht, soll hier im nächsten Sommer ein im Durchmesser 24 Meter riesiger Erdball zu bewundern sein. 4,2 Millionen, die an anderer Stelle eine gute Verwendung finden könnten…

Um das weltgrößte Abbild der Erde „kämpft“ unsere Stadt gleichzeitig mit Berlin. Und nun gilt es abzuwarten, wer als erster das Geld beisammen hat. Wäre ich sarkastisch, so sagte ich jetzt: „Joa, so ganz sicher ist das aber noch nicht, wer da gewinnt!“  Sag ich aber nicht 😊

Ich finde das Ganze einerseits saukomisch, aber andererseits ist es das nicht. Der Klimaplanet passte nämlich wirklich gut hierher. Wusstest du, dass in unserer winzigen Stadt das ➲ weltweit erste Biogas – Solarthermie – Kraftwerk steht?

Brønderslev Solarthermie Biogas KraftwerkSolarenergie und Solarthermie mit Biogas in einem Kraftwerk vereint – und das fast vor unserer Haustüre! In den vergangenen Jahren wurden viele Windräder aufgestellt und ich kann beobachten, wie sehr sich das kleine Land Dänemark anstrengt, den fossilen Energien den Rücken zu kehren.

Um mich herum beginnt quasi ein neues Denken Gestalt anzunehmen.

Da fällt mir noch was ein: Nächste Woche schaue ich mir in Aalborg mal autonomen Busse genauer an, die ich bisher nur aus Modellen kenne:

Aalborg autonome Busse

Autonom fahrende Busse in Aalborg

Es bleibt also spannend bei uns und ich freue mich schon auf alles, was da noch kommt.

Doch vorher hole mir ein paar bløde kinder (zarte Wangen) im Garten, der nach fast dreiwöchigem Dauerregen regelrecht explodiert ist. Alles grünt und blüht, als wolle es sich erst einmal ausstrecken! Das Braun ist verschwunden und Nordjütland hat sich wieder beruhigt. Sowohl die Natur als auch die Menschen.

Mit dem irre heißen Sommer sind nämlich viele Menschen (ins Land und) an die Küste gekommen. Ich beobachte mit Sorge eine Entwicklung, die hier einzusetzen beginnt: Massentourismus. Neben dem Klimawandel nimmt damit ein weiteres Themengebiet vor meinen Augen Gestalt an und es erschüttert mich, dessen Auswirkungen zunehmend SEHEN zu können. Überwiegend negative Folgen, die ich schon vor 20 an unzähligen Tafeln aufgelistet hatte…

Was wird Dänemark tun? Das Gleiche wie zum Beispiel Mallorca oder Benidorm, die inzwischen gegen das Ungeheuer, das sie selbst miterschaffen haben, ankämpfen und es bezähmen wollen?

Ich habe keine Ahnung, doch hoffe ich darauf, dass auch in Sachen Tourismus eine zukunftsweisende und –erhaltende Strategie erdacht wird.

Glaubst du, dass der Weg zum sanften, entschleunigten Tourismus durchsetzbar sein wird?

Kærlig hilsen 😉

Marion

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Hier noch einmal Teil 1 und Teil 2 zum Nachlesen.

Herzliche Grüße und bis bald,

Schriftzug Meermond

 

19 Gedanken zu “Bloggeplauder mit der Kapidänin – 3

  1. Hi liebe Meermond, der Austausch zwischen euch ist sehr interessant und inspirierend. Und alles ist da- die Liebe zum Land und die Ehrlichkeit. Ich wünsche euch viele, viele Leser. Und ja – unser Leben, unsere Gesellschaft braucht Wahrheit, egal in welchem Land. Die können wir auch aushalten. Alles Liebe. Jutta.

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  2. Hallo Marion,
    ich fahre schon sehr lange nach Dänemark, schon als kleines Kind mit meinen Eltern und meinem Bruder zu einer Zeit, als Dänemark als Urlaubsland noch ziemlich unbekannt war und man sogar belächelt wurde, das man dort hinfuhr. Ich habe mich damals unsterblich in Dänemark verliebt und diese Liebe dauert bis heute an. Ich beobachte diesen Massentourismus auch und es tut mir regelrecht weh, wie Horden von meinen Landsleuten z.B. in Henne Strand oder Fanö einfallen. Das läuft dann so ab: Man hat eine App, worin die Tage, die man noch warten muß, bis man nach Dänemark fahren kann gezählt werden. Dann wird alles möglich eingepackt, man düst nach Dänemark, holt sich einen Schlüssel bei der Ferienhausvermietung für sein Ferienhaus (die inzwischen fast alle gleich aussehen) ab. Dann kauft man für 1000 Kronen Lebensmittel ein und nistet sich in sein Haus ein. Es wird gejubelt: Dänemark, meine zweite Heimat und dann wird der Strand nach Bernstein abgegrast, es wird konsumiert, was die Gegend zu bieten hat, es werden Fotos gemacht, hauptsächlich der Strand. Dann werden entweder Hagebutten abgepflückt, woraus man dann Marmelade macht, Birkes eingekauft , oder am Strand gebadet und man fühlt sich dann wie ein verkappter Däne, der endlich aus dem „blöden“ Deutschland herauskann und hier endlich Mensch sein kann. Ich könnte heulen, wenn ich das sehe und höre. Ich kann mich an unsere Reisen erinnern, wo wir uns ziemlich bescheiden und unauffällig in Däenmark bewegt haben, Kontakt zu Bevölkerung gesucht haben und uns für die Geschichte und die Menschen des Landes interessiert haben. Wir haben die schlichte Schönheit und Individualität des Landes geliebt, die Vielfalt und uns als Gäste gefühlt. Im Laufe meines Lebens bin ich fast überall in Dänemark gewesen, nicht nur in den großen Touristenorten. Und ich muß sagen- ich finde es so schrecklich, was da gerade abläuft.
    Viele Grüße aus Hamburg
    Christine

    Gefällt 2 Personen

    • Vielen lieben Dank dafür, dass du aussprichst, was ich zwischen den Zeilen angedeutet habe.
      Bitte hilf mir, diesen Beitrag zu verbreiten. Dein Kommentar ist sooooooo wertvoll. Vielen lieben Dank und herzliche Grüße aus meiner tatsächlichen Heimat Dänemark 🇩🇰

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      • Liebe Meermond,
        es freut mich, dass Du es auch richtig findest, was ich sage. Gerne können wir dies verbreiten, aber meine viel vorsichtigere Kritik bei unseren Landsleuten (die zur Zeit in Dänemark Urlaub machen) über Facebook wird von diesen teilweise aggressiv abgeschmettert und man wird sehr angegriffen. So daß ich mich immer auch namentlich schütze. Mein Sohn hat über Facebook Kritik an dem Flüchtlingshaß hier in Deutschland geäußert und wurde mehr als derbe angegeriffen. Wir beide waren entsetzt, was Kritik an unseren Landsleuten auslösen kann und was für eine Dynamik sich in Gang setzt. Schon hier kann man dann sehen, daß das „sich als Däne fühlen“ unserer Landsleute leider nur Illusion ist, denn ich kann mir von den Dänen nicht vorstellen, dass sie so reagieren würden.
        Viele liebe Grüße an Dich im schönen Dänemark

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        • Doch, Dänen können auch bissig Zähne zeigen. Aber als Urlauber kann man auch keine Ahnung von dem wahren Leben in Dänemark haben.
          Und ich zwinker dir jetzt was zu: Man macht es sich nicht Hygge.
          Das ist Quatsch und sprachlich komplett falsch. 😏 Ich denke, du verstehst. 🤗

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          • Ja das habe ich auch schon erlebt. Die Dänen könne auch schon mal sehr unfreundlich sein, vor allem eine bestimmte Generation. Es sind halt keine Heiligen..Aber die Hetze unserer Landsleute, diese Aggressivität habe ich so nicht erlebt. Übrigens war ich nicht nur als Urlauberin in Dänemark… Und diese „Hygge“-Geschichte…Es gibt hier in Hamburg sogar eine Zeitschrift, die Hygge heißt. Das lässt sich wohl toll vermarkten. Ich wußte übrigens auch, das „man es sich nicht Hygge macht“. Aber solche Eindeutschungen gab es ja schon immer, auch mit englischen Begriffen.

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          • Ich brauche deinen Worten eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. 🤗 Ich kann viele Gemeinsamkeiten in unser beider Denken erkennen und ich bin froh, dass du dich zu Wort gemeldet hast! Vielen Dank, denn ich bin der Ansicht, dass ein Blog nur dann gut ist, wenn er verschiedene Aspekte beleuchten kann. Dazu braucht es Kommentare und Beiträge der Leser. ♥

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          • Ich freue mich auch sehr, auf Deinen wunderschönen Blog gestoßen zu sein. Ich bin wirklich erfreut, dass es auch noch Menschen gibt, die ähnlich empfinden. Mit Spannung werde ich Deine Beiträge lesen. So rückt Dänemark ein bisschen näher zu mir und ich erfahre viel Neues. Danke dafür!

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