Die Geschichte vom dänischen Apfelbaum

Heute ist es erstaunlich mild. Die Sonne strahlt, der Wind weht leise, aber fortwährend. Ich bin müde. Die Aufgaben, die mir das Leben oft stellt, zehren zusehend an mir. Ich will einfach nur noch schlafen.

Der gsM zieht mich am Arm und zwingt mich hinaus in die Sonne.

– Heute gehen wir mal über bålhøj. Immer die gleiche Richtung ist langweilig.

Ich bin nicht daran interessiert, ewig Neues zu entdecken. Ich versuche, meine Gleichgültigkeit zu verbergen und gehe in hohem Tempo neben ihm her.

– Dahinten! Die Bäume, da will ich hin.

Es ist mir egal, welche Bäume er ansehen will. Die Gedanken in meinem Kopf drehen sich und ich will weder Bäume noch mir die heute trostlos erscheinende Weite Nordjütlands ansehen. Gelangweilt drücke ich auf den Auslöser meines Handys. Dass in der Linse Staubkörner sind, die Flecken im Himmel bilden, ist mir egal.

Dänemark Nordjütland Binnenland

Ich frage mich, wie weit ich noch auf diesem dämlichen Sandweg durch das weite Nichts laufen soll.

– Dahinten, links neben dem Gehöft ist eine Baumgruppe. Da will ich hin.

Super.

Eine Baumgruppe auf einem dieser eiszeitlichen Hügel, die unter Schutz stehen. Sehr interessant. Ich laufe schweigend weiter. Meine Gedanken fliehen bis jenseits der Windräder.

Die Stille schreit mich an.

Nordjütland Weite Fernsicht

Was ich normalerweise gerne mag, geht mir auf die Nerven. Sogar das perlende Knirschen unter meinen Stiefeln. Ich stecke mein Handy ein und habe keine Lust mehr. Wofür das alles noch?

Wir gehen an Pferden vorbei, die friedlich weiden. Manche von ihnen stecken unter hässlichen Decken. Sie sind mir genauso egal wie ich ihnen.

Pferde Dänemark Nordjütland.jpg

Will ich das alles noch? Warum kann nicht einfach alles mal einfach und ohne Hürden sein? Langweilig und unspektakulär? Sogar zu langweilig für einen Blogartikel?

Nachdem wir den Bauernhof hinter uns gelassen haben, endet die Straße.

– Ich fürchte, wir müssen uns jetzt entlang des Feldes einen Weg suchen. Kannst du noch?

Der dämliche Hügel ist nicht mehr fern, ich will ihm die Freude machen und nicke. An den Schuhen klebt Erde, das hohe Gras ist nass und bald sind es auch meine Hosenbeine. Wir stehen vor einer unfassbaren Wildnis aus Weiden, Ahorn und Ginster. Mannshohem Ginster!

Und dazwischen leuchtet der vermutlich schönste Apfelbaum der Welt.

Rote, dicke, prachtvolle Äpfel.

Ich versuche, mir einen Weg durch das Dickicht zu bahnen. Ich will einen pflücken!

Ehrgeizig und hungrig schiebe ich mich durch das Gestrüpp hindurch. Was für ein Baum! Ich ziehe mein Handy wieder aus der Tasche und drücke auf den Auslöser. Wenn ich ihn schon nicht erreichen kann, so will ich mich wenigstens an ihn erinnern.

Apfelbaum Dänemark Nordjütland Wildnis

Mit jedem Schritt wird es einfacher und ich kann tatsächlich einen Apfel greifen.

Gierig beiße ich hinein.

Ein wundervoller Apfel. Saftig, säuerlich und apfelig – nicht so eine überzüchtete, mehlige, langweilige Sorte.

Ein echter Apfel. Dänemark Wildnis Baum Apfel.jpg

 

Schwupps habe ich ihn aufgegessen und ich angle mir noch einen. Er schmeckt noch besser. Da entdecke ich eine Schneise zwischen den Sträuchern.

Apfelbaum Dänemark Natur Weite

Wir stehen vor einem Geschenk.

Wir essen uns satt und freuen uns über unseren Fund.

– Komm, lass uns was für einen Apfelstrudel mitnehmen.

Ich löse die Mütze seiner Jacke und befülle sie mit den roten Früchten. Meine Manteltaschen ebenfalls.

Seelig kauend machen wir uns auf den Rückweg.

Die Sonne wärmt mich und die Weite erscheint mir weniger trostlos.

Mit jedem Schritt hellt sich mein Kopf und als wir bei den Pferden vorbeikommen, bewegen sich die Tiere neugierig auf uns zu.

Nordjütland Dänemark Pferde.jpg

Es tat mir so gut, den prachtvollen Baum im Dickicht zu finden.

Nicht immer ist alles Schöne leicht und einfach zu sehen oder zu erreichen. Manchmal muss man sich ein wenig anstrengen.

Wenn man dann bei den Früchten angelangt ist, schmecken sie besonders gut.

Einen alten Apfelbaum verpflanzt man nicht.

Einen Apfelbaum muss man schneiden, damit er gut trägt!

Mag schon sein.

Muss aber nicht.

Schriftzug Meermond verkleinert 150.png

PS: Rechtschreibfehler und Grammatik überprüfe ich morgen.

20 Gedanken zu “Die Geschichte vom dänischen Apfelbaum

  1. Ich verstehe dich so sehr! Vor Jahren in Tirol, ein nicht endend wollender Weg, immer 4° Grad bergauf, das Wasser war schon lange alle. Das Ziel noch so fern, da fanden wir doch tatsächlich einen Apfelbaum mit reifen Früchten. Nicht rot wie deiner, sondern knallgelb, leicht süßlich und unglaublich saftig. Danach waren wir auch bald am Ziel… 😊
    Lieben Gruß, Ewald

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  2. Mir erging es heute auf meiner Wanderung nahe Murnau ein bisschen so wie dir: Alles wie gehabt, Berge, See, Bäume, Kühe, Pferde, nix Aufregendes. Und dann entdeckte ich plötzlich in der Ferne in einem kleinen Sumpfgebiet einen Silberreiher – und auf einmal waren Glücksgefühl, Freude und Aufregung wieder da! ❤

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  3. Ach liebe Meermond, ich kann Dich nur zu gut verstehen! Mir ging es oft auch so mit drei Kindern, (von denen zwei nicht meine eigenen waren). Aber das schöne bei Kindern ist: Es geht immer bergauf und wird immer schöner und leichter mit ihnen.
    Und so Tage, wo mir alles egal ist kenne ich auch. Immer wenn es mir so geht, muß ich an die Worte meiner Großmutter denken: „Und wenn dann alles schief läuft, dann machst Du die Faust in der Tasche und sagst Sch…! Und plötzlich läuft es wieder.“ Und so ist es auch, und ich glaube, solche Krisen sind wichtig für uns, damit wir innehalten und viellleicht hinterher stärker sind. Wir haben auch einen Apfelbaum im Garten. Er gehört meinem Sohn und trägt jedes Jahr doppelt so viel wie im Jahr davor. Er ist auch ein bisschen krumm, aber seine Äpfel sind süß und saftig. Das sind die Geschenke der Natur an uns an denen wir uns erfreuen könne. Ich wünsche dir, das bald sich alles wieder für Dich aufklärt, wie der Himmel am Meer in Dänemark!

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  4. Liebe Meermond,

    das hört sich alles nicht nach Dänemarkglück an. Seltsam, wenn ich an meinen Blogeintrag von heute denke, dann scheint mir das Leben am Meer so viel glücklicher zu sein. Zumindest sehne ich mich nach einem Leben am Meer, das meine grösste Kraftquelle ist.

    Aber das Leben gibt immer irgendwie vor, welche Wege zu gehen sind und welche Hürden zu bewältigen. Hier in den Bergen und dort am Meer.

    Und mitten in den schweren Schritten erscheint das Paradies – so schön, es zu finden, so wie Du und die Äpfel.

    Herzliche Grüße vom Bodensee
    Veronika

    Gefällt 2 Personen

  5. Schreibfehler überprüfe ich morge, lach. Könnte von mir sein. Kennst du den Sæternisser nicht? Der ist auf meinen Seiten unterwegs. Irgendwie hat er es von Dänemark bis nach Dresden geschafft. Ein Sætternisse kommt aus Dänemark und treibt sein Unwesen auf allen Seiten die beschrieben oder bedruckt werden. Er ist so schlau, setzt seine Fehler so individuell, dass ich diese, auch beim Korrekturlesen, nicht erkennen kann. Ich weiß nicht wie er aussieht, da er ein Kobold ist, der sich ungern erwischen lässt.
    Deine Geschichte vom Apfelbaum ist wunderschön und erinnert mich an die 2 kleinen sehr alten Apfelbäume am Ferienhaus dieses Jahr auf Mols.

    Gefällt 1 Person

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