Ausländer sein – Dinge, die mich mein Umzug nach Dänemark gelehrt hat

Ich bin so froh, dass ich euch gefunden habe, strahle ich den dunkelhäutigen Mann hinter einem viel zu vollgestellten Tresen an. Er versteht die tiefere Bedeutung meiner Worte nicht und wendet sich wieder dem Kunden vor ihm zu.

Die anderen Männer im kleinen Laden mustern mich. Abschätzig? Interessiert? Ich weiß es nicht, aber ich freue mich sichtbar, dort zu sein. Eine verschleierte Frau drängelt sich resolut und eindeutig ablehnend an mir vorbei. Ihr Einkaufskorb streift mich, aber es ist mir egal. Ich bin ein Exot in dem komplett überfüllten Geschäft, in dem auffallend viele Männer rumstehen. Auf viel zu wenigen Quadratmetern stapeln sich die Produkte bis an die Decke. Man könnte einen ganzen Supermarkt damit füllen!

Einkaufen in einer anderen Kultur

Ich gehe von einem Regal zum anderen und sehe mir begeistert die fremden Lebensmittel an. Ich greife zu einem Glas, in dem lange, weiße Schnüre in einer Lake schwimmen. Käse.

Ich lege das Glas in meinen Korb.

Daneben liegen Melonenkerne. Wer isst denn sowas? Ich spucke die immer aus!

Ich lege die Tüte in meinen Korb.

Bei meinem Rundgang finde ich noch weitere Dinge, die mein Interesse wecken. Sie alle gibt es bestimmt in keinem dänischen Supermarkt.

Genauso wie Sauerkraut. Oder Kohlrabi. Oder Kirschsaft.

Meermond Dänemark Blog Essen Sauerkraut.jpg

Mein Sohn liebt Sauerkraut und Wurst.

Das sind alles Kleinigkeiten, die wir nicht unbedingt brauchen, um gesund und mit Wohlbefinden hier zu leben.

Wir leben ein gutes Leben hier!

Nach vier Jahren beginne ich leider, einige Geschmäcker meiner alten Heimat zu vermissen. Die dänische Küche ist meiner persönlichen Meinung nach wenig einfalls- und abwechslungsreich. Ich lernte sie als bodenständig, extrem fleischlastig und bescheiden kennen. Man kocht mit dem, was man hat. Kennt ihr zum Beispiel øllebrød? Das ist ein gekochter Brei aus altem rugbrød (Roggenbrot). Ich denke, man erfand das, um Geld zu sparen und um Reste zu verarbeiten. Guter Ansatz, ⇒ aber mir schmeckte das nicht.

Essen als Kulturgut

Jede Kultur hat ihren eigenen Geschmack. Und dazu gehören Produkte, die andere Kulturen vielleicht nicht mögen und daher nicht oder nur selten verkaufen.

Ich bin zum Beispiel sehr erstaunt über die Tatsache, dass Holland an Deutschland dicke, große und prachtvolle Kopfsalate liefert. Nach Dänemark liefern die selben Bauern merkwürdig kleine und nur aus wenigen Einzelblättern bestehende Exemplare. Selbige werden zusätzlich in einen mit Luft aufgepusteten Plastikwürfel (!) geschweißt und kosten dann lächerliche 2,60 Euro. Meine Familie braucht zwei davon – wenn es sie überhaupt gibt:

Ich vermisse Kopfsalat. Ich könnte ihn täglich essen. Ich vermisse Kohlrabi. Und manchmal vermisse ich sogar Sauerkraut.

Gäbe es einen Laden, in dem typisch deutsche Produkte angeboten werden würden, so wäre ich dort ein gern gesehener Kunde.

Und nun bin ich gedanklich in Regensburg in den 90er Jahren.

Ausländer sein

Ich schlendere durch eine denkmalgeschützte Innenstadt. Ich entdecke einen neuen Laden. Ein weiterer „Türke“ hat aufgemacht. Warum gibt es bloß so viele Läden bei „uns“, in denen türkische Waren angeboten werden? Warum kaufen „die“ lieber bei „sich selbst“ ein? Warum essen „die“ nicht das Obst und Gemüse aus „unseren“ Supermärkten? Was ist da anders? Und warum plaudern die dann immer alle in ihrer Muttersprache miteinander? Mit mir reden die teilweise in derbstem Bairisch!

Heute bin ich selbst ein Ausländer.

Ich schare deutsche Freunde um mich. Ich liebe es, mich auch außerhalb meiner Familie auf sprachlich sicherem Terrain zu bewegen. Wir verstehen unseren Humor, wir kennen „unsere“ Gepflogenheiten, unsere Regeln, unser Essen. Ich muss nicht dauernd aufpassen, wie ich etwas korrekt und mit in Dänemark angemessenem Verhalten ausspreche. Ich vermisse deutsches Essen – am meisten Brot.

Und jetzt verstehe ich, warum „die Türken“ in Regensburg gerne in „ihren“ Läden einkaufen.

Weil dort ihre Kultur ist! Es ist so herrlich einfach, sich in der eigenen Kultur zu bewegen. Den ganzen Tag von Neuem und Anderem umgeben zu sein, ist nicht immer leicht!

Die eigene Kultur wirft man nicht mit einem Umzug in ein anderes Land ab.

Ich lebe sehr gerne hier im Norden von Dänemark und ich versuche, sowohl Sprache als auch die dänische Kultur anzunehmen. Soweit es mir möglich ist.

Denn ich bin und bleibe immer ein kleines bisschen Bayer. Ein Bayer in Nordjütland.

umzug dänemark leben blog meermond _.jpg

Auf dem Weg in ein neues Leben.

Und genau darum gehe ich jetzt zu „dem Türken“ in Aalborg.

Denn der hat Kohlrabi 🤗  !

Herzliche Grüße aus Dänemark, eure bayerische

 

Schriftzug Meermond

 

 

Bitte teilt diesen Artikel. Er ist mir angesichts einer Besorgnis erregenden Entwicklung in ganz Europa sehr wichtig. 

Tusind tak – Danke ❤ 

59 Gedanken zu “Ausländer sein – Dinge, die mich mein Umzug nach Dänemark gelehrt hat

  1. Liebe Meermond,

    vieles was du beschreibst kenne ich so auch – und dabei bin ich doch „nur“ in die Schweiz umgezogen, 2012.
    Zum Glück gibt es hier immer öfter auch mal Lebensmittel, die hier eigentlich nicht her gehören, z.B. Weißwürstl mit süßem Senf oder Brezn. Letztere sind allerdings meist lappig und nicht knusprig, wie sie gehören und wie ich sie liebe.

    Von wo aus Bayern kommst du denn?

    Liebe Grüße nach Dänemark

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    • Ich komme aus Regensburg. Dort überschwemmen aber leider auch zunehmend labberige Großbäckereienbrezen den Markt. Wie überall haben die Kleinen, Feinen es schwer, gegen Große fortzubestehen…
      Grüße un die Schweiz 🤗

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  2. Das hast du toll geschrieben, ich kann mir gut vorstellen, das du dich teilweise zwischen zwei Kulturen aufhälst.

    Was den Kohlrabi betrifft, soll ich dir welchen mitbringen oder was du sonst noch vermisst? Vorausgesetzt es gibt es hier in Norddeutschland. 🙂 Wir haben nämlich für Ende November gebucht.
    LG Silke

    Gefällt 1 Person

    • Ein riiiiiiesiges, dickdickes Exemplar Kopfsalat hätte ich wirklich gerne! Wo urlaubst du denn? Ich finde das so nett! Danke dir!
      Kennst du die „Westpakete“, die man früher in die DDR schickte? Seit meinem Artikel bekomme ich via Instagram, Facebook und nun auch hier Angebote, mich mit „Südpaketen“ zu versorgen. Tusind tak an dich. Tusind tak an alle ❤

      Liebe Grüße

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  3. Pingback: 8.11.2018 | In jawls humble opinion.

  4. Da musste ich doch gleich an Rapunzel denken, bei so viel „Gluscht“ auf Salat 😉 Den würd ich definitiv auch vermissen. Und fehlen würde mir sicher auch der Duft nach typisch Schweizerischem Essen, der um die Mittagszeit durch die Gassen zieht und das Gefühl von Zuhause und Geborgenheit mit sich bringt.
    Sehr schön geschrieben 🙂

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  5. Pingback: Ausländer sein – Dinge, die mich mein Umzug nach Dänemark gelehrt hat – Stella, oh, Stella

  6. ich las deine Gedanken mit besonderem Interesse, denn ich bin ja schon bald 40 Jahre lang Ausländerin in Griechenland. Das Essen macht mir allerdings überhaupt kein Problem – im Gegenteil. denn die Mittelmeerkost ist einfach köstlich.
    Anders ist es mit der Sprache und mit Denkgewohnheiten. Zum Glück spreche ich mit meinem Mann deutsch, sonst würde es mir doch sehr fehlen. Auch das Bloggen hat mir sehr geholfen, weil ich auf Deutsch kommunizieren kann. Ich spreche allerdings auch gut Griechisch, mache Lebensberatung und Aufstellungen auf Griechisch, und meine engsten Freundinnen sind Griechinnen. Manchmal arbeite ich auch mit sprachlich gemischten Gruppen, wo ich alles verdolmetschen muss. Und genau das ist spannend für mich: dieses Wandern zwischen den beiden Lebenswelten, die mich sensibilisieren für die eine und die andere Art.
    Andere nach Griechenland gezogene Deutsche bleiben freilich sehr deutsch, kaufen deutschen bzw holländischen Käse, Nürnberger Bratwürste, Knäckebrot, Müsli, deutsche Butter, ja, auch deutschen Kopfsalat! – bei Lidl, haben griechische Bekannte nur, falls die deutsch oder jedenfalls Englisch können, gehen zu deutschsprachigen Ärzten und Friseuren, fahren Autos mit deutschen Nummernschildern, schimpfen auf griechische Gesetze und lieben Griechenland eigentlich nur wegen seines Klimas, seiner Landschaften und seiner Antiken. Die griechischen Menschen dürften gerne auch fehlen.

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    • Für meine persönliche Entwicklung war dieses Sensibilisieren so wertvoll. Ich wandere inzwischen ebenfalls zwischen den Lebenswelten und es ist, als lebte ich auf irgendeine Weise zwei Leben. Was anstrengend klingt, ist meines Erachtens bereichernd.
      Heute verstehe ich wirklich, was ich mir als ganz junge Erwachsener noch etwas unbeholfen zu erklären versuchte. Dieser Artikel hat inzwischen Aufrufezahlen erreicht, die meine Statistik sprengt. Ich wünsche mir sehr, dass vielleicht der eine oder andere Leser mit-verstehen wird. Es gefällt mir nicht, dass die Leute, die einfach nicht (mehr) verstehen wollen oder können immer lauter werden…
      Herzliche Grüße ins lebensfreudige Griechenland.

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  7. Ein sehr schöner Artikel, der mir einen alten Spruch wieder ins Gedächtnis ruft: Jeder ist Ausländer – fast überall. Ich kann alle deine Gedanken sehr gut nachvollziehen, weil ich seit ca. 10 Jahren immer wieder in verschiedenen Ländern lebe. Ich bin deutsch und ungarisch, und in Ungarn vermisse ich grüne Soße, rote Grütze und Regenwetter, in Deutschland ungarische Paprika (die es aber beim „Türken“ gibt), gutes Hummus aus dem Supermarkt und das eher trockene Klima. Interessant finde ich auch, dass sich Kultur vor allem am Essen festmacht – wenn man mit anderen „Ausländern“ spricht, fehlt immer das Essen aus der Heimat am meisten😊

    Gefällt 2 Personen

    • Essen ist Teil unserer Kultur und unserer Erinnerung. „Das schmeckt wie bei meiner Oma!“ Wer kennt das nicht? Es kann quasi unser ganzes Leben sein, das wir mit Essen in Verbindung bringen. Sowohl gute, als auch schlechte Erinnerungen. Meine Oma hat ihr ganzes Leben keine Steckrübe mehr angefasst, weil sie die immer mit dem Krieg in Verbindung setzte…
      Danke für dein Komplliment. Danke für deinen wertvollen Beitrag 🙂

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  8. Du hast völlig recht, bloss durch einen Umzug in ein anderes Land wird man nicht automatisch auch „anders“ und vergisst seine Herkunft. Die eigene Kultur und Gewohnheiten liegen nicht in einem Rucksack, den wir bei Grenzübertritt ggf. einfach abgeben können. Ich bin selber auch (wieder mal) Ausländerin und selbstverständlich finde ich mein Gastland interessant, ich spreche die Sprache und interessiere mich für alles mögliche. Aber gerade Sprache und Essen sind wichtige Identifikation stiftende Aspekte und es ist nur natürlich, dass wir das auch ausleben möchten. Obwohl es in meinem Gastland Frankreich bestimmt nicht an guter Küche mangelt, lasse ich mir ab und zu von Besuch typisch Schweizerisches mitbringen. Ich stimme und wähle auch noch in der Schweiz. Das ist legitim und hat mit Integration, oder fehlender Integration, absolut nichts zu tun. Diese kann und sollte parallel dazu erfolgen. Es ist ohne weiteres möglich zwei Hüte anzuhaben und am Leben von zwei verschiedenen Ländern teilzunehmen und es wertschätzen.

    Gefällt 3 Personen

  9. Es ist das eine, in einem anderen Land zu leben und sich mit der Kultur und den Lebensumständen anzupassen, aber ab und an kommt die Sehnsucht nach „heimischen“ Produkten auf. Dann gibt es nur eines, so schnell wie möglich befriedigen. Schon ein mal daran gedacht, einen Lebensmittelmarkt mit typisch deutschen Produkten zu eröffnen… 😊😊😊
    Hier ein Rezept für Brotsuppe: https://www.chefkoch.de/rezepte/114741048249532/Suesse-Rosinen-Brotsuppe.html?utm_source=com.apple.UIKit.activity.CopyToPasteboard&utm_medium=Social%20Sharing%20CTA&utm_campaign=Sharing-iOS

    Ich esse sie noch heute gerne…
    Lieben Gruß, Ewald

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  10. Hej Meermond
    Das mit dem Roggenbrot kenne ich noch von meiner Kindheit….Meine Mutter machte noch Rosinen rein….das ganze nannte sich….
    BROTSUPPE MIT ROSINEN
    Komm gut über den Herbst…l.g.elke

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  11. Hej! Toll geschrieben! Du sprichst mir mit deinen Worten aus der Seele.
    Ich empfinde wie du! Sind von Österreich nach Nordfriesland gezogen nahe der dänischen Grenze!
    Schreibe weiter, ich mag deinen Blog!

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  12. Das ist ein schöner Artikel. Ich fühle mich allerdings nicht so gedrängt mich kulturell allzusehr anzupassen, denn das machen die im Ausland lebenden Dänen auch nicht. Daran sollten sie hier mal denken, nämlich wie viele Dänen im Ausland leben und wie man gerne möchte, dass die dort behandelt werden … 😉

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